Buchhandlung
am Tierpark

Das Buch der verbrannten Bücher - Weinlese-Empfehlung vom 23.04.22 von Volker Weidermann

Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933: Wie es dazu kam, welche Bücher verbrannt wurden und was mit den Autoren geschahNach dem überwältigenden Erfolg von Lichtjahre, seiner kurzen Geschichte der deutschen Literatur nach 1945, wendet Volker Weidermann den Blick zurück auf den Tag, an dem in Deutschland die Bücher brannten. Seine Mission: diese Bücher, diese Autoren dem Vergessen entreißen!

Es wurde angekündigt als »Aktion wider den undeutschen Geist«: Die akribische landesweite Vorbereitung gipfelte am 10. Mai 1933 in der Errichtung von Scheiterhaufen in vielen deutschen Städten, auf die dann Studenten, Bibliothekare, Professoren und SA-Leute in einer gespenstischen Feierstunde die Bücher warfen, die nicht mit ihrer menschenverachtenden Ideologie vereinbar waren. Unvergessen die Tonbandmitschnitte, die dokumentieren, wie Joseph Goebbels auf dem Platz neben der Berliner Staatsoper mit den Worten »Und wir übergeben den Flammen die Werke von …« die einzelnen Autoren aufrief, von denen einige sogar anwesend waren.

Volker Weidermann erzählt, wie dieser Tag verlief, an dem es trotzig regnete, er erzählt von dem Bibliothekar Herrmann, der die Urliste aller Listen erstellte, nach denen dann die Scheiterhaufen bedient wurden, und er erzählt von den Werken und ihren Autoren – und davon, wie willfährige Buchhändler und Bibliothekare die Bücher aus ihren Regalen entfernten, so gründlich, dass viele Werke und Autoren danach nicht wieder zum Vorschein kamen.

Die Gleichung des Lebens - Weinlese-Empfehlung vom 23.04.22 von Norman Ohler

Friedrich II. schickt sein versponnenes Mathematikgenie Leonhard Euler in die Wildnis, um Natur zu berechnen – doch ein Mord und eine Frau namens Oda, die Euler in den Weiten des Sumpfes kennenlernt, werfen die Gleichung des ehrgeizigen Königs über den Haufen.Sommer 1747. Friedrich II. will das unwegsame, von aufsässigen wendischen Fischern bewohnte Oderbruch trockenlegen. Wo noch Fische, Schildkröten und Wasservögel in überwältigender Artenvielfalt leben, sollen Kühe grasen und die Kartoffel wachsen. Als die Leiche des Ingenieurs für den neuen Kanal am Ufer der Faulen See angetrieben wird, steht Leonhard Euler vor einer Herausforderung, die ihn und das aufklärerische Denken selbst an eine Grenze bringt. Denn die urtümliche Sumpflandschaft, die dem Untergang geweiht ist, wehrt sich mit allen Mitteln .

Offene See von Ben Myers

England, kurz nach dem 2. Weltkrieg.
Robert, 16 Jahre alt, wird in die Fußstapfen seines Vaters treten und Bergmann werden, so viel steht fest. Doch bevor es so weit ist, begibt er sich, der die Natur und die Weite einer Landschaft über alles liebt, auf eine Wanderung Richtung Meer. Kurz vor seinem Ziel, das Meer leuchtet schon am Horizont, trifft er auf Dulcie, eine ältere Frau, die zurückgezogen in einem alten Cottage wohnt. Eigentlich wollte er nur zum Essen bleiben, aber die Gespräche mit Dulcie faszinieren Robert. Sie eröffnen ihm eine neue freiere Sicht auf das Leben. Er bleibt viele Wochen, um danach seinen ganz eigenen Weg zu finden.
Eine wunderbar poetische Geschichte, die sich liest, als wäre man selbst in diesem Cottage zu Gast.
Ein kleiner Urlaub von unserer hektischen Zeit.

Elif Shafak „Der Geruch des Paradieses“ von elif Shafak

Peri wächst in einem gespaltenen Elternhaus auf. Der Vater fortschrittlich und westlich geprägt, die Mutter fanatisch religiös.
Sie versucht es beiden Eltern recht zu machen und fühlt sich innerlich zerrissen.
Als sie ihr Studium in Oxford beginnt und mit zwei anderen Muslimas, der weltoffenen Shirin und der Kopftuchtragenden Mona in eine WG zieht, ergeben sich allerhand Konflikte, da jede der Frauen eine andere Herangehensweise hat, ihre Identitätsprobleme zu lösen.
Als sie Jahre später auf ein Foto aus ihrer Studienzeit stößt, wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Was führte zum Bruch zwischen den drei Frauen?
Elif Sharif zeichnet mit ihrem Buch das Portrait einer muslimischen Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne.
Ein Roman über Religion, Demokratie und Feminismus, der in Istanbul spielt und liebevoll, etwas ironisch und humorvollvoll
geschrieben ist.

Ende in Sicht von Ronja von Rönne

Hella, einst eine berühmte Sängerin, will ihrem Leben mit 69 Jahren ein ende setzen. In der Schweiz, in einem Krankenhaus. So tritt sie die letzte Fahrt in ihrem klapprigen Passat an, als plötzlich Juli, 15 Jahre alt, von einer Autobahnbrücke auf ihre Motorhaube fällt. Die beiden setzen ihren Weg gemeinsam fort. Sie beide eint der Wunsch zu sterben.

Ronja von Rönne erzählt hier lakonisch eine manchmal tieftraurige, manchmal aber auch lustige Geschichte zweier Frauen, die eigentlich unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Buch zum Nachdenken, zum Weinen, aber auch zum Lachen.

Der Mauersegler von Jasmin Schreiber

"Weißt du , dass Mauersegler immer in der Luft sind, also ihr ganzes Leben? Ununterbrochen? (fragte Jakob)" Und wenn sie tot sind? Dann fliegen die aber nicht mehr, oder?"
Nach ihren Buch "Mariannengraben" handelt auch dieses Buch vom Umgang mit dem Tod. Es ist ein Buch über Freundschaft und Scheitern, über Verzagen , Vergebung und Weiterleben.
Die Protagonisten in diesem Buch sind Prometheus und Jakob. Sie kennen sich schon lange, sind als Kinder durch die Wälder gestreift, haben Tiere beobachtet und sich vorgestellt zu fliegen, wie der Mauersegler.
Auch als Erwachsene sind sie unzertrennlich und ihre Frauen sind miteinander befreundet.
Als Jakob ganz plötzlich erkrankt und Prometheus als Arzt seine Behandlung übernimmt und scheitert bricht plötzlich alles auseinander.
Prometheus flüchtet, strandet an der Küste in Dänemark und kommt bei zwei älteren Frauen unter, bei denen er auf dem Hof arbeiten kann. In der rauen Küstenlandschaft versucht er wieder ins Leben zu finden.

Hast du uns endlich gefunden von Edgar Selge

"Wahrscheinlich bin ich auf die Bühne gegangen, um Worte aneinanderzureihen. Mehr nicht"

Edgar Selge erzählt in seinem Buch die Geschichte seiner Kindheit in einer westdeutschen Kleinstadt in den sechziger Jahren. Sein Vater ist Gefängnisdirektor einer Jugendstrafanstalt, Musik- und Literaturliebhaber und so findet sein Leben zwischen Gefängnismauern und viel klassischer Musik statt. Er ist im Gegensatz zu seinen Brüdern ein Träumer und geht den Auseinandersetzungen um politische Themen am Küchentisch lieber aus dem Weg. Da er so sanft ist wird er zum bevorzugten Opfer seines despotischen Vaters. Ein biographischer Roman einfühlsam und Humorvoll geschrieben.

Der Brand von Daniela Krien

Wie unter einem Brennglas sieht Daniela Krien sich fein nuanciert ein Ehepaar in der Lebensmitte an, bei dem es neben den Beziehungsfragen auch um gesellschaftspolitische Fragen geht. Was macht eine gute Ehe aus? Wie soll es nach 30 gemeinsamen Jahren weitergehen, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Wie soll man in einer Gesellschaft leben, in der Shitstorms und Rassismus an der Tagesordnung sind und in der eigenständiges Denken nicht gefördert wird? In der statt „Sinngebundenheit“ Selbstverwirklichung als erstrebenswertes Lebensziel angepeilt und vor uns alle hingestellt wird? Bei der Rückschau auf diese Beziehung tippt Daniela Krien auch feinsinnig und leicht das „Westlichwerden“ an. In der Ehe-Geschichte von Rahel und Peter, ihren Kindern, Enkeln und den Vielleicht-mehr-als-Freunden Ruth und Viktor, deren Haus, Garten und Tiere sie in der Uckermark drei Wochen im Sommer hüten, offenbart sic h einmal mehr Daniela Kriens Gespür dafür, den Finger analysierend und klug auf den Puls der Zeit zu legen und zu fragen statt zu antworten.

Die Stadt ohne Wind - Arkas Reise von Éléonore Devillepoix

Arka, ein 13-jähriges Mädchen, das bei den Amazonen aufwuchs und magische Kräfte hat, begibt sich auf die Suche nach ihrem Vater, der Magier sein soll, in die große 7-Schichten-Stadt Hyperborea. Ihr gelingt mit ihrem wie ein wildes Pony aussehenden Einhorn Zwerg der Sieg bei dem alljährlichen Reitturnier. Angetrieben von ihrem Wunsch, sich in Magie ausbilden zu lassen, erkämpft sie sich beim Wettstreit einen der begehrten Plätze zur Elevin des Magiers Lastyanax und darf nun am Magieunterricht teilnehmen. Als der Mentor von Lastyanax getötet wird, begeben sich die beiden auf die gefährliche Suche nach dem Mörder, doch wie sollen sie ihn finden, da er wie ein Windhauch ist – und es in Hyperborea keinen Wind gibt?
Für alle Harry Potter-Fans ein Muss!

"Vom Ende der Einsamkeit" von Benedict Wells

Benedict Wells, Bestseller Autor, 37 Jahre, geboren in München, lebt inzwischen in Zürich, hat fünf Romane geschrieben, ganz neu im Februar erschienen: Hard Land“.
Mein erstes Buch von ihm: „Vom Ende der Einsamkeit“ (2016), ein Familienrom.
Der 10jährige Jules und seine beiden älteren Geschwister wachsen nach dem Unfalltod ihrer Eltern in einem Internat auf, gehen getrennte Wege und finden immer wieder zusammen.
Jules erzählt uns auf berührende Weise sein Leben, lässt uns teilhaben am Schicksal seiner Geschwister, an seiner Traumwelt, an der geheimnisvollen Liebe zu Alva, einer Mitschülerin.
Ein sehr persönlicher Roman über die Frage „Wer bin ich?“, den Umgang mit Verlust und Einsamkeit, mit einem unerwarteten Ende.
Tragisch, manchmal traurig, aber auch fröhlich und schön, bewegend, auf angenehme Weise spannend.
Ich bin von dem Buch begeistert und neugierig auf die anderen Romane.

Judith S.